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Wie die Zeit vergeht…
by Fabian on Jan.01, 2010, under Religion, Wissenschaft und Technik
Ich bin zufällig auf einen Artikel beim Knopp-Verlag gestossen. Die Aussage des Autos, André Reniez, ist schnell zusammengefasst: Menschen haben oft das Gefühl, dass die Zeit früher schneller verging als in der Gegenwart. Und die Steinzeitmenschen wurden nur um die 30 Jahre alt, während die Menschen in der Bibel mehrere hunder Jahre alt wurden. Der Grund: Es gibt unterschiedliche Zeitdimensionen, in denen der Mensch umherspringt. Diese Zusammenfassung ist vielleicht nicht ganz korrekt, aber es ändert trotzdem nichts daran, dass die Behauptung des Autoren blödsinn ist.
Zuerst mal muss man wissen, was der Knopp-Verlag eigentlich ist. Im Knopp-Verlag können jene Spinner, dessen wirren Ideen von seriösen Verlagshäusern nicht veröffentlicht werden, ihre Bücher publizieren. Nichts ist zu absurd, als dass man es dort nicht finden könnte. Von Verschwörungstheorien, “Paranormales”, Pseudowissenschaften bis zu Wunderheilern ist dort alles zu finden, was das Herzen eines Menschen mit mentaler Beeinträchtigung erfreut. Aber dies nur am Rande, ich will ja über den oben verlinkte Artikel herziehen.
Dass der Autor keine Ahnung hat, offenbart sich schon in der Einleitung:
Zeit ist eine Konstante im menschlichen Leben. Absolut präzise, seit Anfang des Universums gleichförmig und von Menschenhand absolut nicht zu beeinflussen. Eine Sekunde bleibt immer eine Sekunde.
Da hat der Autor wohl eine der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen des letzten Jahrhunderts verpasst. Zeit ist mitnichten konstant, sondern relativ. Kurz gesagt:
- Wie schneller sich etwas bewegt, umso langsamer vergeht für das Objekt die Zeit.
- Je grösser die Gravitation, umso langsamer vergeht an diesem Ort die Zeit.
Stellen wir uns zwei Zwilingsbrüder vor. Einer davon steigt in in Raumschiff, das mit 99,9% der Lichtgeschwindigkeit einige Jahre durchs All fliegt. Wenn er zurückkommt, wird er kaum gealtert sein, während sein Bruder auf der Erde vielleicht schon ein Greis ist. Bezüglich der Gravitation kann man sagen, dass z.B. auf dem Gipfel des Mount Everst die Zeit langsamer vergeht als auf Meereshöhe. Die ist zwar nicht spürbar oder sichtbar, aber messbar. In der Praxis hat diese Erkenntnis z.B. Einfluss auf die Funktionsweise von GPS-Geräten. Würde man diese relativistischen Effekte nicht miteinbeziehen, würde GPS nicht funktionieren, die Koordination würden mit enormen Abweichungen errechnet werden.
Aber wieder zurück zum Artikel. Die Grundannahme des Autors ist, dass es mehr als nur eine Zeitdimension gibt. In der Tat ist es so, dass man in der Quantenphysik von 11 oder 12 Raumzeitdimensionen ausgeht. Es handelt sich dabei aber immer um eine Zeitdimension, die anderen sind Raumdimensionen. Die Zeit ist eine Eigenschaft des Raumes. Die Zeit ist eigentlich keine Dimension im eigentlichen Sinne. Man spricht nur deshalb von der vierdimensionalen Raumzeit (eine Zeitdimension plus drei Raumdimensionen), weil aus den oben genannten relativistischen Effekten der Raum (Masse, Gravitation) einen Einfluss auf die Zeit hat. Ein massereiches Objekt verzerrt den Raum und die Zeit. Bildlich kann man sich ein gespanntes Tuch vorstellen, auf das man eine schwere Kugel legt. Das Tuch repräsentiert den Raum, die Kugel z.B. die Sonne. Im Tuch gibt es nun eine “Delle”, der Raum wird verzerrt. Die Zeit wird aber genauso auch verzerrt, deshalb ist es sinnvolll, die Zeit immer miteinzubeziehen, auch wenn die Zeit eigentlich keine Dimension ist. Wenn Physiker von zusätzlichen Dimensionen sprechen, meinen sie stets Raumdimensionen. Diese zusätzlichen Dimensionen ergeben sich aus Berechnungen der Stringtheorie und der Quantengravitation. Wir sehen nur drei Raumdimensionen. Die anderen sind entweder kompaktifiziert, das heisst extrem klein und zusammengerollt oder so gross, dass wir sie nicht sehen können. Der LHC könnte erste Hinweise für diese Dimensionen liefern oder wenigstens Aussagen zu deren Eigenschaften machen. Es gibt die Theorie, dass wir in einer dreidimensionalen Branen leben, die sich in einer hyperdimensionel Bulk befindet. Wenn diesder Fall wäre, könnte man unter Umständen im LHC sogenannte Kalusa-Klein-Teilchen finden. Das sind Teilchen, die sich zwischen den Dimensionen, den Branen, bewegen können. Aber ich weiche schon wieder ab.
Mein Punkt ist, dass die zusätzlichen Dimensionen stets Raumdimensionen und keine Zeitdimensionen sind.
Ich möchte noch auf die Punkte eingehen, die der Autor anführt um die Notwendigkeit für diese angbelich zweite Zeitdimension zu rechtfertigen. Gemäss Ockhams Rassiermesser ist seine Erklärung nicht haltbar.
Subjektives Empfinden
Laut dem Autoren vergeht die Zeit für ältere Leute langsamer als für Junge. Diese Aussage ist falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Der Grund ist sehr schön in der Wikipedia beschrieben:
Wenn ein ein Tag “altes” Neugeborenes eine Stunde auf seine Mutter wartet, so wartet es bereits ca. 4% seines Lebens. – Wenn ein Einjähriger eine Stunde auf seinen Geburtstag wartet, wartet er 0,01% seines Lebens. – Für einen Zehnjährigen macht eine Stunde nur 0,001% seines Lebens aus… usw.
Hinzu kommt noch, dass man Dinge, die weiter zurückliegen, eher vergisst. Durch das fehlen gewisser Erinnerungen kommt einem die Zeit dann kürzer vor.
Steigendes Durchschnittsalter
Der Autor liefert die plausible Gründe dafür schon selbst. Nicht nur in der Steinzeit war das Durchschnittsalter sehr gering, sogar noch in den 50er Jahren lag das weltweite Durchschnittsalter noch bei rund 23 Jahren, heute liegt es bei 28. Die Lebenserwartung lag in der Steinzeit noch bei run 30 Jahren, heute ist es bei etwa 80. Der Grund ist, wie der Autor richtig schreibt, natürlich an dem enormen Fortschritt bei der Ernährung, Medizin, Hygene und Sicherheit. Der Autor behauptet allerdings auch, dass heutige primitive Völker ebenfalls eine hohe Lebenserwartung hätten. Das mag zuweilen sicher vorkommen. Tatsache ist aber auch, dass die Lebenserwartung in Ländern mit schlechtem Zugang zu Nahrung, Medizin und niedriger Hygene noch immer bei etwa 30-40 Jahren liegt, wie man in dieser Karte erkennt.
Biblisches Alter
Nun, ich halte es nichtmal notwendig, das zu erklären. Die Bibel, das Buch der christlichen Mythologie, behauptet, manche Menschen seien mehrere hunder Jahre alt geworden. Die Bibel ist ein mythologisches Buch aus der Bronzezeit und deshalb in etwa dem selben Masse ernst zu nehmen, wie man die Geschichten aus anderen Mythologien, wie z.B. die Griechische, ernst nimmt. Sie enthält vielleicht spannende Geschichten über Vergewaltigungen, Genozid und Folter, aber es sind eben nur Geschichten.